Neue Fluchtroute ab Libyen
Immer mehr Migranten wagen von Ostlibyen die Überfahrt nach Kreta. Laut Berichten kamen in diesem Jahr bereits fast 20.000 Menschen auf der gefährlichen Route an, die für Schleuser immer lukrativer wird.

Foto: Sanadalahlafi / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Die Überfahrt von der ostlibyschen Küste nach Kreta gewinnt stark an Bedeutung. Laut Berichten haben in diesem Jahr bereits fast 20.000 Menschen diesen Weg nach Griechenland genommen. Besonders häufig starten die Boote demnach aus der Gegend um Tobruk – für viele Migranten ist das die nächste Etappe auf dem Weg nach Europa.
Wie riskant und zugleich gut organisiert die Route inzwischen ist, zeigen einzelne Tage mit besonders vielen Ankünften: Am 20. Oktober registrierten die griechischen Behörden laut Bericht 710 Menschen in 14 Booten. Schon einen Tag später kamen erneut Hunderte an. Für die rund anderthalb Tage dauernde Überfahrt verlangen Schleusernetzwerke teilweise bis zu 4000 US-Dollar.
Schleuser passen ihre Methoden an
Die Route nach Kreta wurde auch deshalb wichtiger, weil andere Wege stärker überwacht werden. Nachdem ostlibysche Streitkräfte 2023 schärfer gegen Schleusungen in Richtung Italien vorgingen, stellten die Netzwerke ihre Methoden um. Seit Ende des Jahres setzen sie laut Analysen häufiger auf kleinere Boote und verlagern viele Abfahrten nach Griechenland.
- Abfahrten vor allem aus dem Raum Tobruk
- Teilweise Bau der Boote direkt vor Ort
- Migranten warten in Häusern nahe der Küste
Profit in einem System der Macht
Experten sehen den Menschenschmuggel in Libyen als Teil einer größeren Schattenwirtschaft. Nach Einschätzung der Global Initiative Against Transnational Organized Crime sind inzwischen auch etablierte Schmugglerclans eingestiegen, die zuvor schon mit Waren, Fahrzeugen oder Drogen handelten. Die Politikwissenschaftlerin Hager Ali sagt, rund um solche Routen sei ein ganzes Geschäftssystem entstanden, das sich auf bestehende Kontakte, Transportmittel und Schutzstrukturen stütze.
Im Osten des politisch geteilten Landes dominiert General Khalifa Haftar mit seinem Machtapparat, auch seine Söhne spielen wichtige Rollen. Ob Schleuser an der Küste direkt mit diesen Netzwerken verbunden sind, bleibt offen. Klar ist laut Experten aber: Schon der Eindruck, solche informellen Märkte kontrollieren zu können, verschafft politischen Einfluss und stärkt die eigene Position gegenüber anderen Akteuren.
Quelle: DW Deutsch