Dylan live? Nicht für jeden
Bob Dylan spielt mit 85 Jahren im Zürcher Hallenstadion. Doch statt Vorfreude dominiert bei manchen Fans Wehmut: Sie wollen den Musikpionier lieber in Erinnerung behalten als ihn heute auf der Bühne zu sehen.

Foto: Wikimedia Commons / Don Hunstein, Public domain
Bob Dylan macht mal wieder genau das, was man bei ihm seit Jahrzehnten kennt: Er entzieht sich Erwartungen. Mit 85 Jahren steht die Musiklegende im Zürcher Hallenstadion auf dem Plan – oder besser gesagt: sitzt. Wegen Rückenproblemen spielt Dylan inzwischen hinter dem Keyboard statt mit der Gitarre. Und auch musikalisch bleibt er sich treu: Er singt und arrangiert seine Songs so, wie er es will, nicht so, wie das Publikum sie vielleicht erwartet.
Der Mythos bleibt größer als der Moment
Für manche ist genau das der Reiz. Für andere wird daraus ein Grund, fernzubleiben. Denn wer heute zu Dylan geht, bekommt laut der Vorlage keinen nostalgischen Hit-Abend, sondern eher eine rauere, bluesige Lesart seines Katalogs – getragen von einer starken Band und einer Stimme, die eher kratzt, keucht und bricht, als alte Glanzzeiten zu reproduzieren. Die Haltung dahinter ist klar: Dylan will nichts mehr beweisen, sondern einfach weiterspielen.
Gerade das macht den Widerspruch seiner Karriere aus. Dylan wurde früh zu einer überlebensgroßen Figur, die sich nie vereinnahmen ließ – weder von politischen Bewegungen noch von Fans oder der Musikindustrie. Selbst beim Literatur-Nobelpreis war er nicht dort, wo man ihn erwartete. Dieses Ausweichen, dieses ständige Anderssein, gehört bis heute zu seinem öffentlichen Bild.
Vier Alben als Einstieg in eine Ausnahme-Karriere
Sein Einfluss auf die Popgeschichte ist ohnehin unbestritten. Schon Mitte der 1960er-Jahre stellte er die Musikwelt auf den Kopf. Innerhalb kurzer Zeit erschienen mehrere Alben, die bis heute als Schlüsselwerke gelten:
- Bringing It All Back Home
- Highway 61 Revisited
- Blonde on Blonde
- Blood on the Tracks
Damals war Dylan erst 24 und veröffentlichte Songs mit enormem Tempo und kreativer Wucht. Später machte er erst die Folk-Bewegung groß und kehrte ihr dann den Rücken, indem er mit E-Gitarre und Rockband neue Wege aufzeigte. Dass so eine Figur heute noch real auf Tour ist, wirkt für manche fast surreal. Vielleicht ist genau deshalb für einige Fans die Platte daheim der bessere Ort, um Bob Dylan zu begegnen als ein Konzertsaal in Zürich.
Quelle: SRF